{"id":10986,"date":"2022-07-26T14:08:38","date_gmt":"2022-07-26T14:08:38","guid":{"rendered":"http:\/\/ecclesiae.de\/blog\/?page_id=10986"},"modified":"2022-07-26T14:08:38","modified_gmt":"2022-07-26T14:08:38","slug":"baender-im-baum","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ecclesiae.de\/blog\/?page_id=10986","title":{"rendered":"&#8222;B\u00e4nder im Baum&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td><br>&#8222;Der Mann sa\u00df im Zugabteil am Fenster und wagte es nicht, seinen Blick auf die vorbeiziehende Landschaft zu richten. Er war allein im Abteil.<br><br>Vor Jahren hatte er sich von seiner Familie trennen m\u00fcssen &#8211; denn er war mit dem Gesetz in Konflikt geraten, wie es so sch\u00f6n hie\u00df.<br>Seine Eltern und Geschwister musste er schonen; noch bevor alles bekannt wurde, hatte er sie verlassen; seitdem weigerte er sich beharrlich, Kontakt mit ihnen aufzunehmen.<br><br>Die Schuld nagte an ihm, man sah es ihm an: Er konnte sie nicht einfach loswerden. Nun, er hatte seine Strafe zwar abgeb\u00fc\u00dft. Aber, wenn er einmal versagte hatte:<br>Wer konnte ihm garantieren, dass er nicht ein zweites Mal schwach werden w\u00fcrde?<br>Konnte er von sich behaupten, dass er jetzt ein anderer Mensch sei? Hatte er wirklich einen guten Kern? War er ein guter Mensch?<br>Oder hatte die nagende Stimme in ihm recht: \u00abDu bist und bleibst ein Versager, eine Last und Schmach f\u00fcr deine Familie und die Gesellschaft\u00bb?<br>Der Mann, der in dem Zug der Entscheidung entgegenfuhr, seufzte laut. Er dachte an seine Familie, die jetzt wohl zu Hause seinen Brief bekommen hatte.<br>Er stellte sich die Gesichter einzeln vor, jedes f\u00fcr sich. Sein Vater. Seine Mutter. Sein kleiner Bruder (Wie gro\u00df mochte er jetzt sein?).<br>Seine Schwester (Ist sie wohl inzwischen verheiratet?). Sein Onkel, der mit zur Familie geh\u00f6rte, genauso wie sein Vetter.<br><br>Er sehnte sich nach seiner Familie. Die Jahre, in denen er jeden Kontakt zu ihnen vermieden hatte, waren schmerzhafte Jahre gewesen.<br>Er wollte ihnen jede Peinlichkeit ersparen, aber es war ihm nicht leichtgefallen. Jetzt, wo er auf den Weg zu ihnen war, wusste er, wie sehr er sie die ganze Zeit geliebt hatte.<br><br>Zum ersten Mal kamen Worte \u00fcber seine Lippen: \u00abBei Gott, ich hoffe, sie weisen mich nicht ab.\u00bb<br>Da sa\u00dfen sie nun alle beisammen und schwiegen sich an. Gef\u00fchle huschten \u00fcber ihre Gesichter, keiner sprach sie aus, und doch dachten alle die gleichen Gedanken:<br>Warum hat er uns das damals angetan? Das mit dem Verbrechen &#8211; und dann das jahrelange Schweigen? Warum wollte er nichts von uns wissen?<br>Und jetzt, wo er zur\u00fcckkommen will &#8211; hat er sich ge\u00e4ndert? Was ist wohl aus ihm geworden? Liebt er uns noch, so wie fr\u00fcher? Oder m\u00f6chte er nur Geld von uns?<br>Kann ein Mensch sich wirklich \u00e4ndern?<br><br>Das Schweigen lag \u00fcber dieser Familie wie ein schweres, nasses Tuch:<br>Der verlorene Sohn will zur\u00fcckkehren &#8211; und sie sollen dar\u00fcber entscheiden, ob sie ihm eine neue Chance geben werden.<br><br>Endlich ergriff der Vater das Wort und durchbrach die Stille.<br>Der Zug n\u00e4herte sich der Stelle, an der sich alles entscheiden w\u00fcrde. Der Mann wurde immer unruhiger, jetzt blickte er zum Fenster hinaus, wie gebannt.<br>Er wartete darauf, dass das Unvermeidliche geschehen w\u00fcrde: Die Ablehnung.<br><br>Er hatte seiner Familie geschrieben, dass er sie nicht bel\u00e4stigen wolle, wenn sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten.<br>Er w\u00fcrde mit dem Zug an ihrem Hof vorbeifahren, und auch an dem Baum, in dem er schon als Kind seinen Namen geschnitzt hatte.<br><br>Wenn sie wirklich nichts mehr von ihm wissen wollten, dann br\u00e4uchten sie nichts zu unternehmen.<br>Er w\u00fcrde an diesem Baum vorbeifahren, nur einen Blick darauf werfen und weiterfahren, immer weiter.<br>Er w\u00fcrde nicht mehr zur\u00fcckkehren.<br><br>Wenn Sie aber nur eine kleine Chance sehen w\u00fcrden, dass er sich bei ihnen einfinden k\u00f6nne &#8211; und sei es nur f\u00fcr ein paar Tage &#8211;<br>dann sollten sie ein buntes Band in den Baum h\u00e4ngen. Er w\u00fcrde es sehen, der Zug fuhr ja geradewegs an diesem Baum vorbei.<br>Und wenn dort wirklich ein Band im Baum h\u00e4ngt, dann w\u00fcrde er am n\u00e4chsten Bahnhof aussteigen. Dann w\u00fcrde er zu ihnen zur\u00fcckkehren.<br><br>Wenn dort ein Band im Baum h\u00e4ngt, nur dann.<br><br>Noch konnte er den Baum nicht sehen. Wenige Sekunden noch. Seine H\u00e4nde verkrampften sich.<br>Der Zug hatte sich ein wenig in die Kurve gelegt und sein Tempo verringert.<br>Der alte Eichenbaum kam in das Blickfeld des Mannes, der sich vor diesem Augenblick so gef\u00fcrchtet hatte.<br><br>Seine H\u00e4nde verkrampften sich noch mehr, als er den Baum sah. Tr\u00e4nen standen in seinen Augen.<br>Er senkte den Blick, weil er nicht glauben konnte, was er sah.<br><br>Er hatte darum gebeten, ein einzelnes buntes Band in den Baum zu h\u00e4ngen, wenn seine Familie ihm noch eine Chance geben w\u00fcrde.<br>Aber da hing kein einzelnes Band. Nein, der ganze Baum war \u00fcber und \u00fcber mit B\u00e4ndern behangen, sie flatterten im Wind wie bunte V\u00f6gel;<br>hundert, vielleicht sogar zweihundert B\u00e4nder, un\u00fcbersehbar.<br>Q: unbekannt<\/td><\/tr><tr><td><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Der Mann sa\u00df im Zugabteil am Fenster und wagte es nicht, seinen Blick auf die vorbeiziehende Landschaft zu richten. Er war allein im Abteil. 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