{"id":11082,"date":"2022-07-28T13:10:38","date_gmt":"2022-07-28T13:10:38","guid":{"rendered":"http:\/\/ecclesiae.de\/blog\/?page_id=11082"},"modified":"2022-07-28T13:10:38","modified_gmt":"2022-07-28T13:10:38","slug":"er-lag-tot-in-der-hand-das-marienbild","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ecclesiae.de\/blog\/?page_id=11082","title":{"rendered":"Er lag tot &#8211; in der Hand das Marienbild"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td><\/td><td>\u00a0<\/td><\/tr><tr><td>Es war irgendwo in Ostdeutschland in den letzten Monaten des Krieges. Wir hatten uns auf einem flachen H\u00fcgel, der vor der schwachen Hauptkampflinie in offenem Wiesengel\u00e4nde lag, eingegraben und bildeten einen vorgeschobenen St\u00fctzpunkt. Vor uns konnte man deutlich am Waldrand die russischen Stellungen erkennen.<br>Am zweiten Tag wurden wir durch einen russischen Angriff von unseren Linien abgeschnitten. Am dritten Tag ging ein Volltreffer in unsere Stellung und verwundete zwei Kameraden. In der folgenden Nacht entstand bei uns eine immer verzweifeltere Stimmung; wir hatten weder Wasser noch Verpflegung.<br>Ich entschloss mich, um ein Uhr nachts zu dem T\u00fcmpel hinauszukriechen, der im Niemandsland zwischen uns und den russischen Stellungen lag, um Wasser zu holen. Ich legte den Karabiner zur Seite und schnallte vier Feldflaschen am Koppel fest. Langsam und vorsichtig tastete ich mich vorw\u00e4rts. Immer wieder hielt ich an und horchte gespannt in die Dunkelheit. Deutlich sah ich die drei Weiden am Rande des T\u00fcmpels als schwarze Schatten vor mir. Wenige Meter vor dem T\u00fcmpel sp\u00e4hte und horchte ich noch einmal in die Dunkelheit &#8211; dann kroch ich in die Mulde zum Wasser hinab. Vorsichtig f\u00fcllte ich die erste und die zweite Feldflasche. Als ich auch die dritte angef\u00fcllt hatte, nahm ich einen Schluck &#8211; wie gut ist doch das Wasser!<br>Da glaubte ich ein Ger\u00e4usch zu h\u00f6ren. J\u00e4h fuhr ich auf. &#8222;Halt! Nix schie\u00dfen, Kamerad, bitte!&#8220; sagte eine Stimme halblaut zu mir. Der Lauf einer russischen Maschinenpistole sa\u00df vor meiner Brust. Ich war wie gel\u00e4hmt. Vor mir hockte ein gro\u00dfm\u00e4chtiger Russe. Wir sahen einander an. Aus! Gefangen, schoss es mir durch den Kopf. Der Russe schien unschl\u00fcssig zu sein. Jetzt lehnte er seine MP zur Seite und tastete nach meinen Taschen. Aus der linken Brusttasche zog er mein Soldbuch und meine \u00fcbrigen Papiere. Im Strahl einer Taschenlampe, die er gedeckt hielt, durchsuchte er meine Papiere. Er fand zwei Heiligenbildchen, die ich stets bei mir trug. Wie gebannt starrte er darauf. &#8222;Du nix Faschist, du Christ?&#8220; fl\u00fcsterte er erstaunt. Ich nickte. Da gab er mir meine Papiere wieder zur\u00fcck, b\u00fcckte sich um meine vierte, noch leere Feldflasche, f\u00fcllte sie und gab sie mir. Ich konnte nicht fassen, was hier mit mir geschah. Dann setzte sich der Russe neben mich und sagte im Fl\u00fcsterton: &#8222;Oh, ich sprechen sehr viel gut deutsch! Warum du hier am Wasser?&#8220; &#8222;Wir kein Wasser und viel Durst&#8220;, erwiderte ich. Er schien mir wohl den Hunger aus den Augen zu lesen, denn unvermittelt begann er wieder: &#8222;Du nix essen?&#8220; &#8222;Wenig Brot&#8220;, sagte ich ausweichend.<br>Da kramte er aus seiner Tasche ein sch\u00f6nes St\u00fcck Brot, teilte es und forderte mich auf, zu essen. Wie es schmeckte! &#8222;Du haben Schnaps?&#8220; wandte er sich wieder an mich. &#8222;Ja, bei meinen Kameraden&#8220;, antwortete ich. &#8222;Wann du auf Posten?&#8220; &#8222;Ich immer Posten!&#8220; &#8211; Wir einigten uns schnell: In der kommenden Nacht wollten wir uns um 23 Uhr wieder hier treffen; ich sollte Schnaps bringen, er Brot. Darauf gab er mir die Hand und kroch davon. Auch ich machte mich auf.<br>Gro\u00df war die Freude meiner Kameraden, als ich mit dem Wasser kam. Ich beschloss aber, ihnen von meinem Erlebnis vorl\u00e4ufig nichts zu sagen. Als es wieder Nacht wurde, wurde mir doch etwas angst. Vielleicht w\u00fcrde mich der Russe in einen Hinterhalt locken? Ich wagte die Sache aber trotzdem. Meine Kameraden und ich hielten vor Schw\u00e4che und Mutlosigkeit kaum mehr durch. Ich kroch hinaus. Wie in der vergangenen Nacht kam ich zum T\u00fcmpel. Der Russe wartete schon. Zuerst f\u00fcllten wir die Feldflaschen mit Wasser. Dann fragte er mich: &#8222;Du Schnaps?&#8220; Ich nickte stumm und reichte ihm die Flasche. Er zog den Korken und hielt sie mir wieder her. Er war noch misstrauisch, und so tat ich einen Schluck. Dann kostete er. &#8222;Gut!&#8220; meinte er anerkennend. Er gab mir ein gro\u00dfes B\u00fcndel mit Brot. Am liebsten h\u00e4tte ich ihn umarmt. &#8222;Du noch Zeit?&#8220; fragte er. Ich nickte. Und pl\u00f6tzlich fragte er: &#8222;Du wirklich ehrlich Christ?&#8220; Ich lachte. Da begann er, mir aus seinem Leben zu erz\u00e4hlen: Nach der Revolution 1917 wurden seine Eltern, Adelige aus der Gegend von Petersburg, nach Sibirien verschleppt. Als man sie wieder freilie\u00df, durften sie in der N\u00e4he von Wladiwostok wohnen, wo er, Alex, 1921 zur Welt kam. Wie alle Kinder, sollte auch er in eine kommunistische Schule. Dagegen wehrte sich sein Vater, und es gelang ihm, Alex nach China in eine Missionsschule zu bringen, an der auch \u00f6sterreichische Patres wirkten. Alex wurde Christ, er lernte dort auch Deutsch. Sp\u00e4ter gelang es ihm, heimlich zu den Eltern zu gelangen und bei ihnen verborgen zu leben. Eines Nachts aber wurden seine Eltern verhaftet, ihn brachte man in eine kommunistische Erziehungsanstalt. Von seinen Eltern hatte er seither nie mehr etwas erfahren. Er arbeitete in einer Fabrik. 1943 wurde er Soldat.<br>Trotz der jahrelangen gottlosen Erziehung blieb er seinem Glauben treu; seine gr\u00f6\u00dfte Sehnsucht war, einmal wieder mit einem Christen zusammenzukommen. Nun hatte er mich getroffen. Es schien uns wie ein Wunder. Schlie\u00dflich bat er mich, zu erz\u00e4hlen, was sich in den letzten Jahren in der Kirche ereignet habe.<br>Ich erz\u00e4hlte ihm neben vielem anderen von der Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens, die Papst Pius XII. einige Zeit zuvor vollzogen hatte. Da das Weihegebet auf einem meiner Marienbildchen stand, beteten wir es gemeinsam. Nie werde ich vergessen, wie wir beide, zwischen den Fronten, als Soldaten feindlicher Armeen, im L\u00e4rm des Krieges, von einem abgegriffenen Zettel das Gebet lasen: &#8222;&#8230;K\u00f6nigin des Friedens&#8230;gib der streitenden Welt den Frieden der Waffen&#8230;und den Frieden der Seelen. &#8230;Auch f\u00fcr die durch Irrtum und Zwietracht getrennten V\u00f6lker bitten wir dich &#8230; gib ihnen den Frieden&#8230;&#8220; Er bat mich um das Marienbild mit dem Gebet, und ich gab es ihm. Dann nahmen wir Abschied mit dem Versprechen, uns in der kommenden Nacht wieder zu treffen. Meine Kameraden fassten kaum, als ich mit dem Brot zur\u00fcckkam. Aber auch jetzt schwieg ich. Gegen Morgen setzte schweres Artilleriefeuer ein. Dann st\u00fcrmten die Russen vom Waldrand gegen unseren St\u00fctzpunkt vor. In unserem Abwehrfeuer brach ihr Angriff zusammen.<br>Gegen Mitternacht kroch ich durch das mit Trichtern \u00fcbers\u00e4te Gel\u00e4nde zum T\u00fcmpel. Immer h\u00e4ufiger sah ich gefallene Russen. Als ich beim T\u00fcmpel ankam, war Alex noch nicht da. Alex kam nicht. Ich wurde unruhig. Langsam kroch ich zur\u00fcck. &#8211;<br>Da lag wenige Meter vor der Mulde ein Gefallener. Ein seltsames Gef\u00fchl trieb mich an, n\u00e4her zu kriechen. Da erkannte ich Alex! Mit ausgebreiteten Armen lag er auf dem R\u00fccken. Seine offenen Augen blickten zu den Sternen. In der einen Hand hielt er das Marienbild.<br>Lange lag ich neben meinem toten Freund. Dann kroch ich zur\u00fcck. &#8211; Gott hatte ihm einen gro\u00dfen Wunsch erf\u00fcllt und ihn dann heimgeholt&#8230;<br>(Ein ehemaliger Soldat in &#8222;Alt\u00f6ttinger Liebfrauenbote&#8220;, 9. 12. 1962)<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Es war irgendwo in Ostdeutschland in den letzten Monaten des Krieges. 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