Wenden wir uns nun an die allerseligste Jungfrau Maria und bitten wir sie, in besonderer Weise unsere Fürbitte für die Verstorbenen zu unterstützen. In diesem »Jahr des Rosenkranzes« sollten wir in die Schule der Jungfrau gehen, um mit ihr das Geheimnis des gestorbenen und auferstandenen Christus, der Hoffnung auf ewiges Leben für jeden Menschen, zu betrachten.
In diesem Zusammenhang möchte ich einen Text des hl. Karl Borromäus zitieren, dessen liturgischen Gedenktag wir morgen feiern. »Meine Seele« – so schrieb er – »soll nie aufhören, den Herrn zu loben, denn er hört nie auf, seine Gaben zu spenden. Es ist ein Geschenk Gottes, wenn du, der du Sünder warst, zur Gerechtigkeit berufen wirst; es ist ein Geschenk Gottes, wenn du gestützt wirst, damit du nicht fällst; es ist ein Geschenk Gottes, dass dir die Kraft gegeben wird, bis zuletzt durchzuhalten; auch die Auferstehung deines toten Leibes wird ein Geschenk Gottes sein, damit kein einziges Haar auf deinem Kopf verloren geht; die Verherrlichung nach der Auferstehung wird ein Geschenk Gottes sein, und schließlich wird auch die Möglichkeit, ihn in der Ewigkeit unablässig loben zu können, ein Geschenk Gottes sein« (Predigt, 5. September 1583).
Das christliche Gebet für die Toten, das den gesamten Monat November kennzeichnet, kann nur im Licht der Auferstehung Christi vollzogen werden. Der Apostel Paulus sagt nämlich: »Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos […] Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen. Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen« (1 Kor 15, 17. 19–20).
Die Welt von heute hat es mehr denn je nötig, den Sinn des Lebens und Sterbens in der Perspektive des ewigen Lebens wiederzuentdecken. Außerhalb dieser Sichtweise verwandelt sich die moderne Kultur, die eigentlich zur Erhöhung des Menschen und seiner Würde entstanden ist, paradoxerweise in eine Kultur des Todes, denn wenn sie den Horizont Gottes verliert, wird sie gleichsam zu einer Gefangenen der Welt; sie wird von Angst erfüllt und entwickelt bedauerlicherweise vielfältige persönliche und gemeinschaftliche Pathologien.
Gestern haben wir den jährlichen liturgischen Gedenktag für alle verstorbenen Gläubigen begangen. Aus der in aller Welt verbreiteten Kirche hat sich ein einstimmiges Gebet zum Gott des Lebens und des Friedens erhoben, dass er alle Seelen, vor allem die verlassensten und jene, die seiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen, in sein Reich des unendlichen Lichts aufnehme.
»Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben…« (Mt 25,34-35).
Dieses Wort aus dem Evangelium hilft uns, unser Nachdenken über die Nächstenliebe in konkretes Handeln umzusetzen.
“Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes…, und soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.” (vgl. Röm 8,19-21).
Die Heilige Schrift und die Tradition verkünden uns, dass die Toten am Ende der Zeiten auferstehen und dass es ein ewiges Leben gibt. Mit der Menschwerdung des Wortes hat Gott menschliches Fleisch angenommen. Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat er es für den Menschen möglich gemacht, an seiner Herrlichkeit teilzuhaben. Durch die Gaben des Geistes und durch den verherrlichten Leib Christi in der Eucharistie erfüllt Gott der Vater die ganze menschliche Existenz und gewissermaßen auch den Kosmos, der diesem Ziel zustrebt.
In diesem geistlichen Klima spüren wir mehr denn je die lebendige und tröstende Anwesenheit Marias. Heute rufen wir sie als Königin aller Heiligen an und betrachten sie inmitten der himmlischen Versammlung der seligen Geister. Morgen werden wir ihr, der Mutter der Barmherzigkeit, die Seelen der verstorbenen Gläubigen anvertrauen.
Für das Volk Gottes ist sie Zeichen des Trostes und sicherer Hoffnung. In ihr erkennen wir das lebendige Bild des Wortes Christi: »Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen« (Mt 5,8). Ihre Fürsprache erlange uns, diese Seligpreisung des Evangeliums uns zu eigen zu machen.
Die Liturgie lehrt ja, im Namen der Solidarität, die die Glieder der Kirche miteinander verbindet, für alle zu beten: Das ist ein Band, das stärker ist als der Tod. Möge niemandem unsere Gebetshilfe fehlen!
Am morgigen Tag wird diese Bitte zum inständigen und einhelligen Gebet zum Vater des Erbarmens für alle verstorbenen Gläubigen. In jedem Teil der Welt wird man für sie das eucharistische Opfer darbringen, das Unterpfand ewigen Lebens für die Lebenden und die Verstorbenen, nach dem Worte Christi selbst: »Ich bin das Brot des Lebens … Wer dieses Brot ißt, wird leben in Ewigkeit« (Joh 48,58).
In diesen Tagen machen die, denen es möglich ist, einen Friedhofsbesuch, um an den Gräbern ihrer Lieben zu beten. Auch ich werde heute nachmittag in die Vatikanischen Grotten hinuntergehen, um an den Gräbern meiner Vorgänger im Gebet zu verweilen. Im Geist mache ich mich dann auf zum Friedhof von Krakau, wo meine lieben Verstorbenen ruhen, und zu den anderen Friedhöfen der Welt, um vor allem an den in Vergessenheit geratenen Gräbern zu beten.