Vier theologische Worte, die der Betende in seinem Glaubensbekenntnis wiederholt, während er sich in die Straßen der Welt aufmacht in der Gewissheit, den liebenden, treuen, gerechten und rettenden Gott an seiner Seite zu haben.
Fortsetzung … 4. Zunächst der Begriff »hesed«, »Gnade«, der zugleich Treue, Liebe, Loyalität, Zärtlichkeit bedeutet. Dies ist eine der grundlegenden Bezeichnungen zum Lobpreis des Bundes zwischen dem Herrn und seinem Volk. Es ist von Bedeutung, dass dieses Wort ganze 127 Mal im Psalter vorkommt, das ist mehr als die Hälfte der Verwendung dieses Wortes im gesamten Alten Testament.
Dann finden wir das Wort »’emunáh«: Es entstammt derselben Wurzel wie das »Amen«, das Wort des Glaubens, und bedeutet Stabilität, Sicherheit, unerschütterliche Treue. Es folgt das Wort »sedaqah«, die »Gerechtigkeit«, das einen vor allem heilsbringenden Sinn besitzt: Es handelt sich um die heilige und weise Einstellung Gottes, der durch sein Eingreifen in die Geschichte seinen Gläubigen vom Bösen und von der Ungerechtigkeit befreit. Schließlich ist das Wort »mishpat«, das »Urteil«, zu nennen, durch das Gott über seine Geschöpfe herrscht, indem er sich zu den Armen und Unterdrückten herabbeugt und die überheblichen und anmaßenden Menschen ihrerseits beugt.
Durch diesen Gesang zieht sich eine wahre Litanei von Begriffen, die die Charakterzüge des Gottes der Liebe preisen: Güte, Treue, Gerechtigkeit, Urteil, Huld, bergender Schatten, Reichtum, Wonne, Leben, Licht. In besonderer Weise sind vier dieser göttlichen Züge hervorzuheben; sie werden durch hebräische Vokabeln wiedergegeben, die eine tiefere Bedeutung besitzen als aus den Übersetzungen in die modernen Sprachen hervorgeht.
3. Der Psalmist ist aber ganz auf die andere Darstellung hinorientiert, in der er sich selbst widerspiegeln möchte: die eines Mannes, der das Antlitz Gottes sucht (vgl. V. 6 –13). Er erhebt eine regelrechte Hymne auf die göttliche Liebe (vgl. V. 6 –11), der er am Ende die flehentliche Anrufung folgen lässt, der Herr möge ihn von der dunklen Faszination des Bösen befreien, damit er für immer vom Licht der Gnade umgeben sei.
In ihm scheint das Böse eines Wesens zu sein mit seiner innersten Wirklichkeit, so daß es in Worten und Taten zum Vorschein kommt (vgl. V. 3 –4). Er verbringt seine Tage, indem er »schlimme Wege« wählt, und zwar vom frühen Morgen an, wenn er noch auf seinem Lager liegt (vgl. V. 5), bis zum Abend, wenn er sich schlafen legt. Diese beständige Wahl des Sünders entstammt einer Entscheidung, die sein gesamtes Dasein berührt und zum Tod führt.
Zwei Menschentypen beschreibt also das soeben verkündete Gebet des Psalms, den uns das Stundengebet für die Laudes am Mittwoch der ersten Woche vorschlägt.
2. Die erste Charakterskizze, die der Psalmist uns aufzeigt, ist die des Sünders (vgl. V. 2 –5). In seinem Innern befindet sich die »Weissagung der Sünde«, wie es im hebräischen Original heißt (vgl. V. 2). Dies ist ein bedeutungsstarker Ausdruck. Es läßt an ein satanisches Wort denken, das im Gegensatz zum Wort Gottes im Herzen und im Sprechen des Frevlers erklingt.
Jedesmal, wenn ein Arbeitstag und ein Tag menschlichen Miteinanders beginnt, kann der Mensch zwei grundsätzliche Haltungen einnehmen: Er kann sich für das Gute entscheiden oder dem Bösen nachgeben. Der Psalm 36, den wir vor kurzem gehört haben, stellt uns eben diese beiden gegensätzlichen Möglichkeiten vor Augen. Einerseits gibt es Menschen, die schon auf dem »Lager«, von dem sie sich erheben werden, unlautere Vorhaben hegen; andererseits solche, die das Licht Gottes, die »Quelle des Lebens« (vgl. V. 10), suchen. Dem Abgrund der Bosheit des Frevlers steht der Abgrund der Güte Gottes gegenüber, als lebendige Quelle, die den Durst stillt, und als Licht, das den Gläubigen erleuchtet.
Psalm 57 ist ein Gebet in einer bedrohlichen und leidvollen Lebenssituation, die mit dem Dunkel der Nacht und deren Gefahren verglichen wird. Der Beter hofft auf das Morgenrot, auf das neue anbrechende Licht, das die Dunkelheit und die Angst überwindet.
Von einer dramatischen Wehklage an Gott geht der Psalm über in eine hoffnungsvolle Heiterkeit und einen freudigen Dank. Wir erleben hier den Übergang von der Angst zur Freude, von der Nacht zum Tag, vom Alptraum zur Seelenruhe, von der Klage zum Lobpreis. Diese menschliche Erfahrung finden wir des öfteren im Buch der Psalmen beschrieben: „Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt, hast mir das Trauergewand ausgezogen und mich mit Freude umgürtet. Darum singt dir mein Herz und will nicht verstummen. Herr, mein Gott, ich will dir danken in Ewigkeit“ (Ps 30, 12-13).
Und in bezug auf die Schlußformeln des Psalms, in denen gesagt wird: »Erheb dich über die Himmel, o Gott; deine Herrlichkeit erscheine über der ganzen Erde«, schreibt er: »In dem Maße, wie die Herrlichkeit Gottes sich auf der Erde ausbreitet und vom Glauben der Geretteten vermehrt wird, preisen die himmlischen Mächte Gott und jubeln über unsere Rettung« (vgl. ebd.).
6. Gregor von Nyssa entdeckt in den Worten unseres Psalms gleichsam eine typische Beschreibung dessen, was sich in jeder menschlichen Erfahrung, die gegenüber der Erkenntnis der göttlichen Weisheit aufgeschlossen ist, vollzieht. »Er rettete mich nämlich« – so ruft er aus –, »nachdem er mich mit der Wolke seines Geistes überschattet hatte; diejenigen, die mich getreten hatten, sind gedemütigt worden« (vgl. In psalmorum inscriptiones).