28. Mai

Die Werke des Heiligen Geistes

Alle, die an den Herrn Jesus glaubten, besaßen den ihnen eingegossenen Heiligen Geist. Die Apostel hatten schon damals die Vollmacht empfangen, Sünden zu vergeben, als der Herr sie nach seiner Auferstehung anhauchte und sagte:

„Empfangt den Heiligen Geist. Allen, denen ihr die Sünden erlasst, sind sie erlassen; allen, denen ihr sie nicht erlasst, sind sie nicht erlassen.“ (1) Aber eine größere Gnade und reichere Einhauchung war jener Vollendung vorbehalten, die den Jüngern noch verliehen werden sollte. Durch sie sollten sie auch das empfangen, was sie noch nicht erhalten hatten, und das, was sie schon empfangen hatten, sollten sie auf eine hervorragende Weise besitzen. Wie ist es also zu verstehen, dass der Herr, der ihnen schon gesagt hatte: „Alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch geoffenbart“ (2), ihnen den Heiligen Geist verspricht mit den Worten: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die volle Wahrheit führen.“ (3) Wollte der Herr etwa sagen, er habe ein geringeres Wissen oder er habe vom Vater weniger gelernt als der Heilige Geist? Aber er selbst ist doch die Wahrheit, und der Vater kann nichts sagen, der Geist nichts lehren ohne das Wort. Darum ist geschrieben: „Von dem, was mein ist, wird er nehmen“ (4), denn der Sohn gibt das, was der Geist vom Vater empfängt. Es handelte sich also nicht darum, eine andere Wahrheit zu lehren oder eine andere Lehre zu verkünden. Aber die Fassungskraft jener, die belehrt wurden, musste vermehrt werden; die Beständigkeit jener Liebe, die alle Furcht vertreibt (5), musste verstärkt werden, damit sie die Wut der Verfolger nicht fürchtete. Das begannen die Apostel wirklich brennender zu wollen und wirksamer zu können, nachdem sie mit einer neuen Gnadenfülle des Heiligen Geistes erfüllt waren.

(Leo der Große (+ 461)
Aus einer Predigt zum Pfingstfest.)

Fortsetzung folgt …

1. Joh.20,22f. 2. Joh.15,15. 3. Joh.16,12f. 4. Joh.16,14. 5. Vgl. Joh.4,18. 6.